Wenn Runen zur Verrenkung werden

Ich war vor einiger Zeit auf einem von Asatru geleiteten Ritual. Die magische Arbeit war vielleicht schön – eine Trommeltrance -, aber beim Einladen der Gottheiten wurde neben Runentönen auch Runenstellen verwendet. Und das geht gar nicht!
Ich und die Runen mögen uns, aber wir haben noch keine Freundschaft geschlossen. Trotzdem weiß ich, dass Runenyoga oder Runenstellen nichts mit den germanischen Benutzern und Erfindern der Runen zu tun hat, sondern keine 100 Jahre alt ist und von einem politisch höchst rechts einzustufenden Mann erfunden wurde. Warum also soll ich das machen? Oder irgendjemand? Warum sollte meine Aufmerksamkeit und damit meine Energie einer rassistischen Idee folgen?
Das find eich schon schwierig zu beantworten, aber warum muss eine solche politisch rechts begründete Praktik auf einem öffentlichen Ritual gezeigt werden? Asatru werden doch eh schnell mit esoterischen Neonazis in einen Topf geworfen. Warum erfolgt da keine strenge Distanzierung – auch und gerade in solchen Praktiken?

Ein Grund mag mangelnde Sachkenntnis sein. Oder dass sie bisher nicht darüber reflektiert haben. Also habe ich beschlossen, einen Artikel für Nymphenkuss zu schreiben. Aber wie ich schon sagte, bin ich alles andere als eine Runnenkennerin. Aber ich bin ja ein großer Fan von Experten-Meinungen; daher lag nichts näher, als eine einzuholen. Wie das Schicksal es so wollte, habe ich ja vor ein paar Wochen einen Menschen kennengelernt, der nicht nur ein sehr, sehr fundiertes Wissen über die Runen hat, sondern auch noch überaus sympathisch ist. Dieser Mensch heißt Duke Meyer und neben vielen anderen wunderbaren Dingen hat er den Orakeldienst Eibensang auf Facebook, wo er jeden Tag zu einer gezogenen Rune etwas schreibt, und das wunderbare Buch „Das Lied der Eibe– Eine Runen-Reise durch das Ältere Futhark“ geschrieben, mit dessen Hilfe ich bestimmt eine innige Freundschaft mit Runen schließen werde.
Ich habe Duke also gefragt. Und hier ist sie, die Expertenmeinung. Duke hat extra für Nymphenkuss in seinem treffenden und witzigen (im ursprünglichen Sinne des Wortes von geistreich und daher lustig) Stil einen Artikel zum Thema geschrieben und mir auch noch erlaubt, Auszüge aus seinem großartigem Buch hier zu veröffentlichen. Danke dafür, Duke!

Wenn Runen zur Verrenkung werden

Auch schon mal dabeigewesen, wenn sich Leute eine Hand auf den Kopf legen, wodurch der Arm einen Winkel bildet und die damit eingenommene Körperhaltung in etwa die Form der Rune Wunjo nachstellt, die „Wonne“ bedeutet – die daraufhin Leib und Seele der dies Ausübenden durchfluten soll?
Ich probierte das auch, lange und immer wieder – mit dieser und anderen Runen… Spätestens bei etwas komplexeren, nicht so ganz der menschlichen Ergonomie entgegenkommenden Zeichen wie den Runen Sowilo, Mannaz, Dagaz oder auch nur Raidho (wackel-wackel…) empfand ich das Ganze eher als ungemütlich oder zumindest albern. Irgendeine „Wonne“ wollte sich jedenfalls nicht einstellen – weder bei dieser noch einer anderen Rune: nicht, wenn ich in mich hineinhorchte, was die Verrenkung mit mir machte und auch nicht, was ihre möglichen weiteren Folgen betraf. Woran liegt’s? Die Antwort ist eigentlich einfach: Es handelt sich keineswegs um geheimnisvolle altgermanische Magie, sondern halbwegs neumodischen Blödsinn mit okkultem Anstrich. Der Hintergrund allerdings ist ernster, als sich der Quatsch selbst anfühlt. Im Folgenden ein Appell an die magische Vernunft. Gibt es so etwas? Nur, wenn wir es zulassen. Was lassen wir zu und warum? Was erkennen wir an und was nicht? Wem oder was führen wir Energie zu – und was wollen wir erreichen? Lassen wir uns selbst etwas einfallen, oder turnen wir einfach alles nach, was uns jemand vormacht, im frommen Glauben, es bringe uns weiter? Ist solcherlei blinde Gefolgschaft einer ernstnehmbaren magischen und verantwortungsbereiten Lebenshaltung würdig?

Als „Runenstellen“ oder „Runen-Yoga“ wird das Nachstellen von Runenformen mit dem menschlichen Körper bezeichnet. Ursprünglich nur mit dem so genannten „18er System“ oder „Armanen-Futhork“ verbunden (einem ideologischen Runenkonstrukt, das Ariosophie-Begründer Guido List Anfang des 20. Jh. in die Welt setzte), wurde das Runenstellen im späten 20. Jh. auch auf die Runen des (damals von der Esoszene allmählich wiederentdeckten) Älteren Futhark übertragen. Inzwischen empfiehlt fast jedes esoterische Runenbuch solche Übungen und enthält detaillierte Anleitungen dazu. Spätestens seit den Runenbüchern Edred Thorssons (bürgerlich Stephen Flowers), der dasselbe mit „Stadha“ bzw. „Stödhur“ (altnordisch für Stehen oder Stellen, jeweils Singular/Plural) überschrieb, wird die Runenstellerei allgemein als „alte germanische Tradition“ betrachtet, die zu Runen gleich welcher Art offenbar dazugehört wie die Hörner zum Wikingerhelm (auch falsch) oder der Arsch zum Eimer. Tatsächlich ist „Runenstellen“ ungefähr so germanisch wie zwei Öltanks im Garten oder Glutamat im Essen (nur noch um einiges ungesünder, jedenfalls für Geist, Gemüt und Seele und damit auch für jegliche magische Praxis).

Das Phänomen hat eine einzige historische Quelle – und die entstammt nicht etwa irgendwelchen Bräuchen alter germanischer Kulturen zu Zeiten der Antikeoder des Mittelalters (selbst die im Hochmittelalter verfasste „Edda“ enthält keinerlei Hinweise auf diesbezügliche Praktiken einstiger heidnischer Germanenkulturen), sondern geht auf den Okkultisten Friedrich Bernhard Marby zurück, der 1934 eine diesbezügliche Broschüre veröffentlichte. Ihr Titel
sagt im Grunde bereits alles Wesentliche aus über Herkunft, Idee und Zielrichtung der Sache: „Rassische Gymnastik als Aufrassungsweg“. Das ist so unappetitlich und menschenfeindlich, wie es klingt – und wird von all denesoterischen Autor*innen, die diese Körperverrenkungen als magische Übung und meditatives Studium und sinnliches Erfahren von Runenkräften empfehlen und vorstellen, verschwiegen. Wohlweislich? Oder warum? Viele, die darauf schwören und beharren, wissen es nicht: Sie haben keine Ahnung, woher das stammt – einmal oder auch wiederholt darauf aufmerksam gemacht, verweigern sie sich jedoch jeder Konsequenz der Erkenntnis. Sie „meinen“ es ja „ganz anders“ und seien oder sähen es jedenfalls „unpolitisch“. Ja, klar: Du kannst auch ständig bei McFett futtern und es irgendwie „vegan meinen“ und/oder dir ein paar warme ökologische Gedanken machen.

Aber von Leuten mit solcher Geistes- und Lebenshaltung lasse zumindest ich mir nichts mehr erzählen über „magisches Bewusstsein“, das angeblich auf „verborgene Zusammenhänge“ achtet (über physikalisch beweisbare Kausalketten hinaus) und irgendeine Konsequenz daraus zöge, dass „alles mit allem“ zusammenhängt. Offenbar aber doch nur das, was gerade in den persönlichen Kram passt und nicht unangenehm oder unbequem werden könnte, und sei es nur dadurch, dass sich eine vermeintliche Bewusstseinsvertiefung oder -erweiterung als blödsinnige Verrenkung erweist, die ihre magische Energie aus giftigen Quellen bezieht und magisch wieder dorthin zurückführt. Übertrieben? Nun – der beharrliche Verzehr von Glutamat und anderen Neurotransmittern bringt auch so schnell niemand um. Nicht jeder Schaden ist offensichtlich und eindeutig auf bestimmte Quellen zurückführbar – was nicht heißt, dass es keinen gäbe. Fürs Runenstellen gilt Entsprechendes. Was zwingt eigentlich dazu, an so etwas festzuhalten?

Im Folgenden noch einige Textauszüge rund ums Thema aus „Das Lied der Eibe– Eine Runen-Reise durch das Ältere Futhark“ von Duke Meyer (Edition Roter Drache), das wirklich empfehlenswert ist!

Selbst die besseren und anspruchsvolleren Runenschmöker empfehlen zum Beispiel fast ausnahmslos „Runen-Yoga“, das Nachstellen von Runenformen mitdem eigenen Körper, ohne die rassistische Intention und ausschließlich militaristischen Quellen solcher Übungen auch nur zu erwähnen, geschweige denn zu erklären. So machen sie sich gerade für Neulinge unüberprüfbar und werden zu Denkfallen-Trägern – und für spirituelle Sinnsuche und Lebensbewältigung sogar zu heimlichen Giftquellen. Warum ist so etwas Gift? Weil das Tun seiner Quelle Energie zuführt und aus ihr überträgt, und das Runenstellen hat nun mal nur eine einzige: die Intention, rassistischen Ansichten mittels obskuren Turnereien einen okkulten Anstrich zu verleihen.) Als ich 1984 zum ersten Mal auf Runen stieß – in einem denkbar miserablen Eso-Machwerk, das mir ein Kumpel unversehens in die Hand gedrückt hatte –, war ich noch bekennender Atheist. So sehr mich die Runen auf Anhieb faszinierten, so vehement stieß mich das menschen- und insbesondere frauenfeindliche Gegeifer ab, das als „Erklärung“ aus dem ariosophischen
Ideologiekonstrukt quoll wie Eiter aus schwärenden Wunden. Igitt, jawoll. Was Ariosophie bedeutet und wie diese esoterische „Rassenlehre“ bis heute in fast jedem esoterischen Sehnsuchtswinkel (insbesondere magischer Runenkundlerei) zumindest in Spurenelementen vor sich hingiftelt, erfuhr ich erst viel später. Fortgeschrittene erkennen solche Fallen oft nur schwer – für Unkundige ist es fast unmöglich.
(aus „Das Lied der Eibe“ von Duke Meyer, „Vorwort des Verstandes“

(…) das so genannte „Armanen-Futhork“ oder 18er System. Dieses unterscheidet sich von historischen Runensystemen in drei Merkmalen: Erstens hat es sich nicht innerhalb einer antiken oder mittelalterlichen Kultur entwickelt, sondern wurde Anfang des 20. Jh. von einer Einzelperson konstruiert (und ist damit ungefähr so germanisch wie ein Öltank). Zweitens sind die Bedeutungen der Zeichen in diesem System nicht offen, unklar, widersprüchlich oder rätselhaft, sondern klar und deutlich festgelegt. Drittens diente seine Erschaffung einem Zweck: nämlich dem, einem höchst neuzeitlichen Rassismus nationaldeutscher Prägung einen künstlichen, möglichst germanisch anmutenden Bodennebel zu verpassen. Die bereits in der Theosophie – einer Art Eso-Kult zur Rechtfertigung von Kolonialismus – gepredigte Einteilung von Menschen in unterschiedlich wertvolle „Rassen“ (es ist sogar wörtlich von „Wurzelrassen“ die Rede) wird damit grob irreführend einer zeitlich weit zurückliegenden Nomaden- und Bauernkultur zugeschrieben, deren historische Angehörige sich über derartige Ansichten vermutlich höchst verwundert die Augen gerieben hätten. Im Klartext: Das Runensystem des Rassisten Guido List (1848-1919) dient dazu, die von ihm begründete Rassenlehre der Ariosophie inhaltlich zu stützen und ihren menschenfeindlichen Thesen einen okkulten Überbau zu verleihen. Zu diesem Zweck wurde es geschaffen und taugt definitiv zu nichts anderem. Ich traf Runenkundige, die an diesem System kleben und partout nichts von seiner Herkunft und magischen Wirksubstanz wissen wollten – sie würden es doch „ganz anders“ verwenden, lautete die typische Beschwichtigung. Ich finde es allerdings merkwürdig, wenn ausgerechnet Leute, die einen Ahnenkult betreiben, magiegläubige Auffassungen vertreten („Alles hängt mit allem zusammen“) und bisweilen höchsten Wert legen auf ihre kulturhistorischen Detailkenntnisse über mehrere Jahrhunderte europäischen Mittelalters, einschneidende Ereignisse und Entwicklungen der jüngsten zweihundert Jahre als irrelevant übergehen und auf diesbezügliche Argumente reagieren, als müssten sie sich lästiger Stubenfliegen erwehren… Angesichts solcher Sitten verwundert es wenig, dass das „Runensystem“ des listigen Herrn List gerade in der zweiten Hälfte des 20. Jh. weiteste Verbreitungfand. In der Esoterikszene war es jahrzehntelang das einzige bekannte Runensystem überhaupt und es ist bezeichnend, wie viele ariosophische Glaubenssätze und Annahmen sich darüber auch in Köpfen und Kreisen festsetzen konnten, die sich für Runen überhaupt nicht interessierten, bestimmte weltanschauliche Inhalte aber willig aufsogen und fleißig weiterverbreiteten. Bis heute finden sich die List-Runen auf populären Tarotdecks wie zum Beispiel dem Haindl-Tarot (das sonst, soweit ich informiert bin, völlig untadelig ist. Selbstverständlich gibt es auch eigene „Runen-Tarots“,
die allerdings – ob als Tarotdeck oder reine „Runenkarten“ – oft auch Variantendes Älteren Futhark oder irgendwelche Mischformen verbreiten). Die jeweils mitgelieferten Deutungen sind meist von freischwebender Abenteuerlichkeit und entsprechen in ihrer Güte dem esoszene-typischen Wissensstand über Quantenphysik, der schon Schroedingers Katze zu stroboskopartigen Entkarnierungsversuchen trieb. Aber nicht alles ist lustig oder harmlos. So gut wie kein esoterisches Runenbuch, das die Armanenrunen Lists als „die Runen“ präsentiert, verliert ein Wort zur tatsächlichen Herkunft oder gar Intention dieses Systems. Stattdessen sind die damit transportierten ariosophischen Inhalte so lange mit esoterischem Schwampf verquirlt worden, bis die rassistische Substanz nicht mehr als solche zu erkennen war – jedenfalls nicht ohne profunde Kenntnis der entsprechenden Lehren und einen Sprachsinn, der auch in Licht-und-Liebe-Texten versteckte Inhalte und Zutaten aus Ungeists Giftküche aufzuspüren versteht und zur Kenntlichkeit entblößt… Da in der Esoterikszene keinerlei Quellenprüfung üblich ist und beliebige Ideen sich verbreiten können wie Schnupfenbazillen, ist den meisten Autorinnen und Autoren der möglicherweise menschenfeindliche Hintergrund der von ihnen kolportierten „Lehren“ und „Geheimnisse“ nicht bewusst. Oft haben gerade diejenigen Menschen, die ariosophische Ansichten („Sonnenvölker versus Mondvölker“, „‚Wüstenreligion‘ Christentum“, „germanisches Volksganzes“, „Artglaube“ etcetera) besonders vehement vertreten, von Ariosophie noch nie etwas gehört. Weder deren Begründer Guido „von“ List noch Helena Petrovna Blavatzkys vorausgegangene Theosophie sind ihnen ein Begriff. Überprüfbare Informationen wehren sie gern mit der Beteuerung ab, „unpolitisch“ sein zu wollen. Kann ich gut verstehen. Ich selbst zum Beispiel interessiere mich null für LKWs und PKWs; die meisten Erscheinungen und vor allem auch Folgen massenhaften Einsatzes von Verbrennungsmotoren sind mir unangenehm bis unsympathisch, ich lehne sie gewissermaßen ab. Was heißt das nun für meine Teilnahme am Straßenverkehr? Wer Unliebsames einfach ignoriert, wird womöglich davon überfahren. Der Unterschied zwischen dem Überrolltwerden von einem stinkenden Töfftöff und dem Einsaugen einer möglicherweise gut parfümierten Ideologie ist: Letzteres merkst du vielleicht nicht.
Da List Runenformen aus dem Jüngeren Futhark übernahm und nur am Rande aufstockend „ergänzte“, ist das 18 Zeichen zählende „Futhork für den germanentümelnden Herrenmenschen“ (Bezeichnung von mir) vom 16 Zeichenzählenden Jüngeren Futhark der Wikinger auf Anhieb kaum zu unterscheiden, jedenfalls nicht für Ahnungslose oder im Umgang mit Runen noch Ungeübte. List selbst wollte sein System offenbarungsartig „empfangen“ haben – währender monatelang mit verbundenen Augen im Krankenhaus lag, wo er eine Operation an Grauem Star auszukurieren hatte. Inhaltlich ordnete er den so genannten „Runenversen“ aus der Edda willkürlich Runennamen zu, weshalb erüberhaupt auf die Anzahl seiner Zeichen kam. (Die Edda beschreibt in 18 Versen verschiedentliche Wirkungen von Runen, ohne deren Namen zu verraten.) Dramatischer ist natürlich die von List hineingewobene Weltanschauung, die trotz einiger inhaltlicher Abweichungen späterer Abschreiber und trotz mancher (mehr oder minder geglückter) Beschwichtigungsgesten esoterischer Nachfolger (Spiesberger u.v.a.) nie völlig entschärft wurde – was bei einem derart perfide durchsetzten Werk wie dem Lists auch schwerlich gelingen kann. Ohnehin dürften die meisten seiner Adapteure eine grundlegende Richtungskorrektur gar nicht im Sinn gehabt haben. Lediglich als allzu offenkundige Claqueure eines inzwischen eher peinlich gewordenen Herrenmenschentums wollten sie nach total verlorenem Vernichtungskrieg nicht mehr dastehen, daher rangen sie sich die eine oder andere kosmetische Schönwetterformulierung ab. Im Wesentlichen beriefen siesich jedoch weiter auf die ariosophische Wertekategorie, sie drückten es nur weniger krass aus. Lists Auffassung einer „Überlegenheit der arischen Rasse“ wurde nicht mehr offen kolportiert, bleibt in der Quintessenz der jeweiligen Aussagen jedoch auch bei den meisten seiner geistigen Nachfolger herauslesbar. Und keineswegs geht es immer oder überall um „Rasse“ (im Tarnsprech von heute längst „Ethnopluralismus“ genannt), die solche Begriffe hervorbringende Denke quillt in alle Bereiche. Noch bei Spiesberger finden sichbeispielsweise Warnungen vor einer „Verstrickung ins Dämonium der Weiblichkeit“ und Ähnliches, was sich nicht allein durch gruselige Oberfläche auszeichnet, sondern in klar menschenfeindlichen Grundierungen wurzelt. Diese allerdings sind letztlich immer dieselben beziehungsweise sie laufen auf dasselbe hinaus: willkürliche Ausgrenzung von Menschengruppierungen aus der Gesellschaft und Aberkennung ihrer Rechte.
(aus „Das Lied der Eibe“ von Duke Meyer, Kap. XXI – „Hier und Jetzt“)

(…) Dafür ist Algiz (aufrecht) die einzige Rune, die sich wirklich sinnvoll mit dem menschlichen Körper darstellen lässt – aus dem einfachen Grund, weil die Form des Zeichens bereits ganz unabhängig von diesem die menschliche Urhaltung einer elementaren Anrufungsgeste darstellt: aufrechtes Stehen mit erhobenen Armen. Da diese Geste in unterschiedlichsten Kulturen üblich oder zumindest bekannt ist, steht sie in keiner zwingenden Verbindung mit irgendeinem „Runen-Yoga“ – oder wie immer das Nachstellen runischer Formenmit dem menschlichen Körper gerade genannt werden mag: Entsprechende Übungen gehen allesamt (auch, wenn sie wie bei einem Herrn Thorsson irreführenderweise altnordische Namen wie „Stadha“/“Stödhur“ tragen) auf eine einzige Quelle zurück. Sie ist nicht germanisch oder anderweitig althergebracht und schon gar nicht irgendwie schamanisch oder gar bewusstseinserweiternd, sondern nur deutsch in einem militaristischen Sinn. Bekanntester Propagandist derartiger Turnübungen ist Friedrich Bernhard Marby. Seine 1934 erschienene Broschüre zum Thema trägt den vielsagenden Titel „Rassische Runengymnastik als Aufrassungsweg“, der in seiner Klarheit eigentlich keine Fragen offen lassen dürfte… Überleg dir also gut, ob du deinenKörper zu Posen verbiegen willst, die einer Sowilo, einer Fehu, Berkana oder sonst einer Rune ähneln. Magisch führst du damit einer Quelle Energie zu, die auch die menschliche Seele einem geometrischen Vorbild anpasst: einer Ideologie. Es ist dabei gar nicht so erheblich, welcher. Anpassungen von Menschen an Ideologien haben stets dasselbe Ergebnis: Die Seele zerknickt dabei.
(aus „Das Lied der Eibe“ von Duke Meyer, Kap. XXI – „Hier und Jetzt“)

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8 Antworten zu Wenn Runen zur Verrenkung werden

  1. Hexe Anshara schreibt:

    Ich habe mich selbst noch nicht sehr intensiv und auch nicht praktisch beschäftigt. Natürlich interessieren mich die Germanischen Stämme schon, genauso wie jeder andere Stamm auf dieser Welt. Doch die negative Energie des Nationalsozialismus, klebt an den Germanischen Stämmen wie Teer oder schwarzes Pech. Das ich diese Energie nicht auf mich laden möchte, weil sie mir zu neutralisieren einfach zu stark erscheint. Ich finde es super das Du uns über die Runen Verrenkungen aufklärst, dass sie nämlich nichts mit den Germanischen Stämmen zu tun haben. Sondern aus dem kranken Ideen eines rassistischen Nationalsozialisten entsprungen sind. Ich habe mich mit der Theosophie und Helena Blavatsky etwas beschäftigt, man kann das offensichtlich rassistische in den Thesen nicht zurückweisen. Ich frage mich ob man das nicht irgendwie entkräften oder neutralisieren kann? Auch wenn es mir fasst unmöglich schein. Hast Du da vielleicht eine Idee? Ich würde es toll finden wenn Du uns noch mehr über Runen aufklären könntest.
    Liebe Grüße und Blessed Be Anshara

    • Nymphenkuss schreibt:

      Liebe Anshara, nicht ich bin die Fachfrau, sondern Duke der Fachmann. Deshalb nein, ich werde hier nicht über Runen schreiben, weil ich viel zu wenig Ahnung davon habe.
      Aber ich kann Dukes Buch „Das Lied der Eibe“ wirklich empfehlen. Und am älteren und jüngeren Futhark klebt sicherlich noch immer (und noch sehr lange) der Makel, dass auch die Nationalsozialisten sie toll fanden und benutzen. Aber im Gegensatz zu Dingen, die von Rassisten erfunden wurden (z.B. Runenyoga oder Armanen-Futhork) kann frau und man die Runen sich ja wieder zurückerobern, sie wieder „reclaimen“. Ich glaube das geht gut, besonders, wenn man im Hinterkopf hat, dass sie eben auch einen Teil bitterer Geschichte an sich haben. Dukes Buch „Das Lied der Eibe“ oder sein Orakeldienst Eibensang auf Facebook sind sicher gute Starts für ein solches Unterfangen! Viel Freude damit!

  2. Curtis Nike schreibt:

    Super Artikel von Dir und Duke!
    Da ich in meiner kleinen Reihe „Werkzeuge der Magie“ über Runen schreiben wollte erlaube ich es mir diesen herausragenden Artikel zu rebloggen. 🙂

  3. Curtis Nike schreibt:

    Hat dies auf rebloggt und kommentierte:
    In meiner kleinen Minireihe ‚Werkzeuge der Magie‘ wollte ich mich den Runen zuwenden. Nymphenkuss und Duke Meyer haben zu diesem Thema einen herausragenden Artikel verfasst, den ich hier kurzerhand reblogge.
    Vielen Dank an die Verfasser!

  4. Angelika schreibt:

    Hallo zusammen,
    also ich verstehe, dass man Probleme mit Runen hat, aus hinlänglich bekannten Gründen, aber wie du es hier darstellst finde ich es 1. respektlos und 2. dürften dann viele Sachen in der Paganen Welt nicht praktiziert werden, da sie entweder von den Nazis oder problematischen „esoterischen“ Zirkeln verwandt wurden.
    Respektlos finde ich die Bezeichnung Runen- Yoga und dass bei dem Ritual Verrenkungen gemacht worden wären. Es waren einfache Armbewegungen!
    Ich habe Runenaufstellungen erlebt und mitgemacht und es hatte überhaupt nichts mit absurden Verrenkungen zu tun!
    Und warum sollen sich bitte nicht andere Gruppen als die unsrige auch Dinge zurückholen und anders aufarbeiten als es in der Vergangenheit getan wurde?!
    Nichts anderes tun wir in Teilen auch.

    Liebe Grüße
    Angelika

    • Curtis Nike schreibt:

      Ein spannender Beitrag! Wobei ich allerdings Nymphenkuss‘ Zeilen als sehr persönlich und respektvoll empfinde. Im Gegenteil hatte ich sogar das Empfinden, dass sie sich sehr intensive Gedanken gemacht hat.
      Du schreibst, dass Du die Bezeichnung ‚Runen-Yoga‘ als respektlos empfindest, deshalb würde ich gerne rückfragen: Worauf berufst Du Dich denn, wenn Du sogenanntes ‚Runenstellen‘ machst?
      Ich persönlich kenne diese „Praxis“ nur von Marby, der sich ja selbst als Erfinder des „Runenyoga“ (sic!) bezeichnete, und dem entsprechenden Umkreis, als Entwickler und Benenner der Methode. Den von Duke Meyer verfassten Text stimme ich von daher voll zu, allerdings bin auch ich nicht allwissend und vielleicht kannst Du mir diesbezüglich weiter helfen? Meines Wissens galt (und gilt) Marby sich bis zu seinem Tod 1966 als „Erfinder“ des Runenyogas und hat sich nie anderweitig geäußert. Gibt es da neue oder andere Erkenntnisse?

    • Nymphenkuss schreibt:

      Liebe Angelika, es tut mir Leid, dass du meinen und Dukes Artikel als respektlos empfindest. So ist er nicht gemeint.
      Allerdings ist Runen-Yoga nicht meine Worterfindung, sondern ein gängiger Begriff, der erst später durchs Runenstellen ersetzt wurde und ich schreibe nichts von Verrenkungen im Ritual; Duke hingegen verwendet diese Worte und zwar in Bezug auf sich selbst: „Spätestens bei etwas komplexeren, nicht so ganz der menschlichen Ergonomie entgegenkommenden Zeichen wie den Runen Sowilo, Mannaz, Dagaz oder auch nur Raidho (wackel-wackel…) empfand ich das Ganze eher als ungemütlich oder zumindest albern.“
      Und ich als Reclaimerin (to reclaim = zurückholen, zurückerobern) finde es super Dinge „zurückholen und anders aufarbeiten als es in der Vergangenheit getan wurde“, wie du es so schön sagst. Deshalb ist es auch schön sich mit Runen zu beschäftigen! Aber wie kann man etwas zurückholen, wenn es nie umgedeutet wurde? Es war ein politisch sehr rechter Mensch, der Runen-Yoga oder Runenstellen vor nicht einmal 100 Jahren erfunden hat. Er veröffentlichte es unter dem vielsagenden Titel „Rassische Runengymnastik als Aufrassungsweg“. Was ist daran „zurückzuholen“?
      Natürlich könnte man es trotzdem nehmen und für sich umdeuten. Aber lohnt da die Energie?

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